Tag 4: Esporles - Valldemossa - (Deià)

Tag 4: Esporles - Valldemossa - (Deià)

In Esporles folge ich den vermeintlich richtigen Wegweisern durch das Dorf. Ich starte früh, denn ich habe mir viel vorgenommen. Zwei Etappen möchte ich heute schaffen und in 8,5 Stunden Deià erreichen. Ich suche nach den GR221-Schildern und packe zum ersten Mal an diesem Tag die Reiseführerbeschreibung in Kombination mit Google Maps aus. Es wird nicht das einzige Mal bleiben…

30min habe ich verloren und folge schließlich der richtigen Teerstraße. Langsam zieht sich der wenig idyllische Weg den Berg hinauf. Ausgerissene und umgefallene Bäume zieren den Weg. Auf Schotterwegen geht es weiter, bis es sich nur noch um einen schmalen Trampelpfad handelt. "Valldemossa rechts" wird mein letzter brauchbarer Wegweiser für den heutigen Tag sein. Ein Wanderer überholt mich schnellen Schrittes. Die Landschaft gleicht einem Steinemeer im Wald. An einem kleinen Baum, der mir im Weg steht, suche ich das nächste Steinhäufchen als kleinen Hinweis für die nächsten Meter Wegstrecke. Nach einer Zeit finde ich eins und folge dem Pfad. Immer wieder stehe ich im Steinemeer und halte Ausschau nach nicht vorhandenen Markierungen. Mühsam ratend arbeite ich mich voran. Plötzlich finde ich weder Trampelpfade, noch Steinhaufen. Dafür hängt ein totes Wild an einem Baum. Suchend gehe ich ca. 5min geradeaus. Ich untersuche den Boden, ob er aufgewirbelt ist, ob jemand hier gelaufen ist. Ich kehre zur letzten vermeintlich markierten Stelle zurück und wiederhole das Vorgehen sternförmig. Währenddessen liest mir Audible ausgerechnet „Die 7 Wege zur Effizienz“ vor, das ich für den Urlaub geschenkt bekommen habe. Der Autor erklärt mir, „die Landkarte sei nicht die Landschaft“, denn es handle sich dabei nur um ein Abbild einer persönlichen Wahrnehmung. Die richtige Einstellung sei wichtig, bringe aber nichts, wenn man mit der falschen Landkarte (bspw. mit dem Stadtplan von Hannover in Frankfurt) unterwegs sei. Zustimmend lese ich immer und immer wieder das persönliche Abbild des Autors meines Wanderführers. Es sieht hier alles gleich aus und seine Beschreibungen von Steinkreisen und Mauern treffen auf die letzten zwei Stunden zu. Ich laufe wieder ein weiteres Stück zurück an eine Abzweigung und wähle einen anderen Weg. Nach einiger Zeit finde ich wieder einen Steinhaufen und wäge mich in Sicherheit…

Bis ich plötzlich wieder vor dem Baum stehe, an dem ich das erste Mal einen Steinhaufen gesucht habe und der Wanderer, den ich bereits heute Morgen getroffen habe, mir just in diesem Moment grinsend entgegenkommt „Lost?“.

Jaaaa, verdammt, "lost", denn die Landkarte des Autors ist nicht die Landschaft und die 7 Wege zur Effizienz führten mich in einen zweistündigen Kreis. Überhaupt sieht es überall gleich aus und überall, wo ich zu Gipfeln und Hügeln hinsehe, erkenne ich: hier war ich schon.

Der Wanderer zeigt mir seine Tagesfotos: Wie auch bei mir sieht alles gleich aus. Nur ein Bild unterscheidet sich. Zwei runde Backhofenähnliche Gebäude sind zu sehen. Diese müsste ich finden. Wenn ich sie nicht stehe, bin ich wieder „lost“. Ca. 5min von hier seien sie. Ich solle an der zweiten Abzweigung links gehen. Zunächst folge ich ein paar Meter dem Weg. Ich lese noch einmal den Hinweis im Buch, dass der markierte rote Weg nicht der richtige ist. Wieder schwärme ich sternförmig aus, suche einen anderen und finde keinen. Auf und ab laufe ich, teste je Abzweigung, mache Bilder, um mir Bäume zu merken, an denen ich schon war. Ich bräuchte einen Ariadnefaden, um wie Theseus den Weg aus dem Labyrinth zu finden. Entgegen der Aussage des Wanderers finde ich nach weiteren 30 statt fünf Minuten die zwei Backofengebäude. Erleichtert einen neuen Haltepunkt zu haben, folge ich wieder kleinen Steinhaufen an einer Mauer entlang. An einem Abhang erspähe ich für Sekunden das Highlight des Tages mit einem Ausblick aufs Meer… In einer Hangspalte kraxel ich hinab. Zu meiner Irritation muss ich über einen hinuntergetretenen Maschendraht klettern. DIE offizielle Mallorquinische Route habe ich mir anders vorgestellt. Über ein Metalltor geht es schließlich wieder Waldpfade bergauf auf den letzten Anstieg vor Valldemossa. Weitere Wald- und Steinpfade, die aussehen wie immer führen mich wieder hinab ins Tal. Irgendwann ist der Ort zu sehen. Mit drei Stunden Verspätung erreiche ich genervt den recht netten Touristenort Valldemossa, an dem es von Cafés und Andenkenläden wimmelt.

Ein Blick auf die Uhr zeigt mir, dass es zu kritisch ist, von hier nach Deià aufzubrechen, da die Dunkelheit früh einbricht und mit einem weiteren Verlaufen zu rechnen ist. Ich nehme den Bus nach Deià, einem verschlafenen Bergdorf am Rande einer imposanten Hangkante.