Tag 3: Saignelégier - Mont Soleil

Tag 3: Saignelégier - Mont Soleil

Mein Hotelzimmer mit gerippter bügelfreier Bettwäsche ähnelt dem Zimmer mit Frotteebettlaken im Kloster, in dem ich früher Jahr für Jahr zum Trachtennähkurs war. Ich freue mich über drei Tassen guten Kaffee zum Frühstück in einem Speisesaal voller nicht zusammenpassender Deko, von roten und lila Wänden, über Fake-Backsteinen an der Wand, hin zu Plastikblumen auf Etageren.

Ein eiskalter Nordwind peitscht mir ins Gesicht. „Le vent du nord“ wies auch schon im Film „Chocolat“ Juliette Binoche an aufzubrechen und loszuziehen. Etwas weniger elegant, in Softshelljacke, Daunenweste und mit Stirnband, statt mit einem königlich rotem Wollcape folge ich der Beschilderung. Der Weg läuft etwas ungemütlich parallel zu einer Landstraße, auf der hin und wieder ein LKW vorbeidonnert. Ein Fahrweg führt hinauf zu ein paar alten Bauernhäusern. Und hier, an Tag drei, begegne ich einem Menschen. Innerhalb von Millisekunden schießt ein Mann mit Vollvisierhelm inkl. Kinnbügel auf einem Tretroller ungebremst die Straße herab. Ein seltsamer Anblick hier in diesem Nirgendwo.

Der Weg führt über Forstwege durch Wälder und es ist nicht zu erkennen, ob man im Forstenrieder Park oder im schweizerischen Jura unterwegs ist. Ich laufe durch einen kleinen Ort, in dem ich eine Bäckerei finde. Eine Nuss-Zimtschnecke wird sich mit ihrem süß-batzigen Geschmack nach schwedischen Kanelbullar als Höhepunkt des eher langweiligen Wandertages herausstellen. Auf sanften Wiesen voller gelber Osterglocken steige ich schließlich langsam zu eine Hochebene hinauf. Einige Windräder verschandeln die schöne Aussicht. Plötzlich erinnere ich mich an ein Referat meiner französischen Austauschschülerin Julie über „Les Éoliennes“ (Windräder), das ich oft mit ihr geübt habe und wundere mich, welche Vokabeln einer Sprache hängen bleiben und welche nicht.... Ich denke kurz über Klimaschutz und/vs. (?) Naturschutz nach, lasse diese Gedanken aber unbewertet vorbeiziehen und laufe weiter. Angekommen auf dem Mont Soleil bietet sich mir ein Bild von einem Solarpark, Windrädern und Hinweisschildern zu seltenen Pflanzen, die ich dort aber nirgendwo sehen kann. Vielleicht ist das aber auch jahreszeitlich bedingt. Es ist bitterkalt und auf dem gegenüberliegenden Berg, auf dessen Gipfel ein Sendemast emporragt, liegt noch Schnee.

In einem Airbnb- Dachzimmer komme ich unter. Das Restaurant des Hauses hat heute nur für mich offen (Coronaregeln). Und so genieße ich die Ruhe und lasse den Tag bei einem guten Glas Rotwein ausklingen.