Tag 19: Bellinzona - Tesserete

Tag 19: Bellinzona - Tesserete

Das Wetter verspricht ein schöner Tag zu werden. Die Frühlingssonne wärmt intensiv den Talkessel Bellinzonas, die Palmen stecken ihre Blätter in den klaren blauen Morgenhimmel und meine Stöcke klacken rhythmisch auf dem Asphalt. Durch hübsche Wohngebiete am Fuße der Berghänge wandere ich von meinem Airbnb wieder zur Route des Trans Swiss Trails. Schnell verlässt er die städtische Umgebung und geht in einen schmalen Waldweg über. Ich folge den Serpentinen. Nach einiger Zeit treffe ich ein schweizer Vater-Sohn-Gespann, das nach meinem Tagesziel fragt. „Tesserete“, sie lachen auf und der Vater wirft seine Hand so weit er kann von sich „das isch noch seeeehrrr weiit“. Ein anstrengender Anstieg von ca. 800 Höhenmetern auf schmalen Waldpfaden voller rutschigem Laub und Nadeln wartet auf mich. Einen kurzen Moment kann ich über das Tal Bellinzonas den Lago Maggiore sehen. Froh, dass der anspruchsvollste Teil am Tagesanfang zu bewältigen ist, beeile ich mich den Weg und somit den Wald verlassen zu können, um wieder in der warmen wohltuenden Sonne zu sein.

Plötzlich stehe ich auf einer Hochebene, geprägt vom saftigen Grün der sanften Wiesen. Eine Hinweistafel warnt vor militärischen Schießübungen. Hin und wieder knallt es und als ich auf einer Aussichtsbank sitze, fliegt ein Hubschrauber vorbei. Ein paar Soldaten in voller Montur springen heraus. Nach Isone, einem verschlafenen Dörfchen nahe dem Übungsgebiet, folgt wieder ein Waldpfad bis Alpe di Zalto. Ein Pärchen liegt in der Sonne: er kaum bekleidet, liegend seinen Bierbauch in die Sonne streckend, sie voll angezogen, neben ihm sitzend und wild gestikulierend auf ihn einredend. Ein wunderbares Bild eines klischeehaften, heterosexuellen Ehelebens.

Sanfte Hügellandschaften, kleine Hüttchen und Pfade auf Wiesen bringen mich immer weiter Richtung Tesserete. Auf einer Hügelkuppe stehend sehe ich den Luganersee und freue mich dem Ziel ganz nah zu sein.

Ich wandere an einem Kloster vorbei. Orgelmusik dringt aus der Kirche nach draußen. Über die alten Steinstufen des Klosters erreiche ich die ersten Häuser. Nach fast zehn Stunden und 1400 Höhenmetern brennen meine Fußsohlen und warten auf ihre Erlösung. In der tief stehenden Abendsonne komme ich in meiner Unterkunft an. Ein Eckhaus, eingerichtet in einem stilvollen Mix aus modernen Einbauten und antiken Möbel, wurde von den Besitzern liebevoll renoviert. Der Kühlschrank ist gefüllt, das Weinregal in einer Art Herrenzimmer mit großer brauner Ledercouch bietet eine Auswahl an tollen Weinen und eine Liste auf Vertrauensbasis bzw. eine gefüllte Kassette dient als Self-Service-Bezahlungsmöglichkeit. Ich fühle mich sofort wohl.

Bei einem Glas Aperol Spritz und grandiosen Ravioli schwelge ich in dem Glück und der Zufriedenheit bedingt durch diesen perfekten Wandertag.