Tag 16: Airolo - Anzonico

Tag 16: Airolo - Anzonico

Nasenbohren ist wieder en vogue, geradezu erwünscht. Wo früher Kindern „wenn du oben angekommen bist, schreibst du eine Postkarte“ gesagt wurde, wird heute gelobt, wie verantwortungsbewusst man mit der aktuellen Lage umgeht. Und so bohrt sich das lange Stäbchens des Coronaselbsttests in meine Nase. Das Watteköpfchen genießt sichtlich das Tête-à-tête mit meinem Vorderhirn. Elegant hantiere ich mit dem langen Stäbchen, wie einst Audrey Hepburn mit ihrer Zigarettenspitze. Negativ.

Es ist eine seltsame Zeit. Auch wenn ich auf meiner recht einsamen Wanderung wenig Berührungspunkte mit der Pandemie zu haben scheine, umso deplatzierter wirken die Momente des Testens, Masken Tragens und ständigen Desinfizierens.

Ich freue mich auf die Zeit, wenn die Bussi-Bussi-Gesellschaft ihrem Namen wieder gerecht wird, wenn wir wieder auf einer Wirtshausbank zamrutschen, bei einer fremden Butterbreze ein Stück abbeißen, uns im Biergarten eine Maß teilen, beim Golfen den Birdieschnaps rumreichen, uns in der Kantine das viel zu große Mousse-au-Chocolat mit zwei Löffeln teilen, wenn wir die Eissorte des anderen probieren, das Lächeln der Menschen sehen können und wenn die Farbe des Lippenstifts wieder eine Rolle spielt.

Ich zahle mit Maske, desinfiziere meine Hände, und starte in den Tag.

Zwei Etappen habe ich mir heute vorgenommen. 32km und 1000 Höhenmeter warten auf mich. Ich verlasse Airolo bei strahlendem Sonnenschein. Zum ersten Mal kann ich schon in der Früh auf eine Jacke verzichten... Ein Blick zurück zeigt die Präsenz der Autobahn und des Bahnhofs von Airolo. Der Lärm der Autobahn wird mich heute begleiten. Vorbei an einen geschnitzten Indianer folge ich der Straße. Höhenmeter für Höhenmeter bringt mich die Strada Alta weiter den Berg hinauf. Irgendwann geht der Weg in einen verwurzelten Waldweg über. Konzentration ist gefragt in den nächsten Stunden. Immer wieder ist es rutschig. Ich überquere kleine Bäche und durchquere kleine Dörfer. Der Höhenweg zieht sich nun sanft aufsteigend und abfallend im Wechsel auf der östlichen Talseite entlang. Kleinere Ferienhüttchen warten verschlafen mit geschlossenen Fensterläden auf ihren Einsatz im Sommer. Überall weht die Schweizer Fahne. Kurz denke ich darüber nach, dass man es bei uns sicher seltsam fände, wenn an jedem Ferienhaus die deutsche Fahne hinge, lasse den Gedanken aber unverarbeitet weiterziehen. Ich merke, dass ich passagenweise ohne Gedanken im Kopf laufe und genieße die Stille und diese Art Gehmeditation...

Nach acht Stunden werde ich müde und meine Fußsohlen beginnen zu schmerzen. Die letzten zwei Stunden beiße ich mich in der warmen, tief stehenden Abendsonne bis Anzonico durch, wo ich schon mit einem dampfenden Risotto erwartet werde.