Tag 15: Seelisberg - Airolo

Tag 15: Seelisberg - Airolo

Anfängerfehler...

Ich habe alles gewaschen, und nichts ist trocken geworden. Ich föhne und föhne... es bringt nichts. Genervt ziehe ich die klammen Klamotten an und ziehe los in die Kälte hinaus. Es regnet und windet ekelhaft...

Und nachdem heute alles so ungünstig startet, gleiche ich die Schieflage dieses unter schlechten Vorzeichen stehenden Urlaubstages wieder aus. In Seelisberg nehme ich eine alte rote Standseilbahn hinunter zum Ufer des Vierwaldstättersees. In Treib angekommen wartet ein Ausflugsdampfer darauf mich nach Flüelen zu bringen. Von dort aus habe ich vor 30km nach Göschenen zu laufen, um ab hier den gesperrten Gotthardpass mit der Bahn zu unterqueren (gibt es das Wort „unterqueren“?) / zu passieren.

Ich erkämpfe mir einen Platz im Innenraum zwischen vielen Senioren mit Regenhütchen. Innerlich zerrissen zwischen dem Wunsch des Trocknens und dem Wunsch des viel Sehens, laufe ich immer wieder nach draußen, um die imposanten, steil emporragenden Felswände zu bestaunen. Trotz des schlechten Wetters glitzert das Wasser des Sees in klarem türkis. Man kann einen Tunnel erkennen, der vermuten lässt, dass hier der Wanderweg von Seelisberg nach Erstfeld ohne Bootsetappe entlang geführt hätte. Ich komme zum Schluss, dass der Ausblick vom Boot auf die Berge eindrucksvoller ist als umgekehrt. An kleinen Dörfern vorbei, die auf den grünen Wiesenflecken zwischen den Felswänden sitzen, erreiche ich Flüelen. Das Schiff hält direkt neben dem Bahnhof.

Dort steht der Gotthard Panorama Express, ein Zug mit 1er Klasse Wagons im Form einer Glasröhre, sodass man einen guten Blick in alle Richtungen hat. Er scheint die alte Bahnstrecke zu nehmen, während alle anderen Züge durch den Gotthardbasistunnel fahren. In der Hoffnung wenigstens ein bisschen den Passausblick genießen zu können, kaufe ich mir schließlich ein Ticket. René, ein Typ Staubsaugervertreter, erklärt aufgesetzt gut gelaunt dreisprachig die Besonderheiten der alten Bahnstrecke, die im 19. Jahrhundert gebaut wurde. Die Steigung wurde durch im Berg liegende Schleifen bewältigt, sodass die Strecke verlängert und somit kein Zahnrad benötigt wird. Wir fahren an der Kirche von Wassen somit dreimal vorbei, da wir auf jeder Talseite eine innenliegende Schleife fahren. Der Bauleiter Louis Favre stirbt 1879 bei einem Kontrollgang im Tunnel unerwartet und verpasst somit den Durchbruch beider Seiten 1880, der mit nur 33cm horizontaler und 5cm vertikaler Abweichung glückt.

Das Reusstal, in dem sowohl Bahnstrecke als auch die Autobahn verläuft, wirkt nicht sonderlich malerisch. Es ist geprägt von den Verkehrsknotenpunkten des Passes. Ich bin froh, dass ich hier nicht wandere, irgendwo zwischen Bahnstrecke und Autobahn. Weniger spektakulär als erhofft endet die Zugfahrt in Airolo, einem hässlichen Passort mit grausigen Hotels, der im düstern Nieselregen keine gute Urlaubsidylle abgibt...