Tag 12: Sörenberg - Sachseln

Tag 12: Sörenberg - Sachseln

Es folgt ein Loblied auf die Sauna:

Sauna, der Ort, an dem jeder gleich ist. Nackt, freudig leidend, von dem Moment an, ab dem die Tür geschlossen wird, bis zu dem, ab dem man wieder die Sauna verlassen darf... Ob dick oder dünn, jung oder alt, reich oder arm, jeder durchlebt dasselbe, jeder freut sich auf die beißende Hitze, auf das Anschlagen (Zuwedeln) der letzten Runde, wenn ein Robert oder Heiko der Seesauna am Tegernsee unter Anfeuern und Klatschen der wilden Meute alles aus sich rausholen, die heiße Luft in alle Ecken der Sauna verteilen, und jeder freut sich auf die Abkühlung danach... Der gemeinsame Moment, die sich langsam aufbauende Spannung, die schleichende Qual, die in der Erlösung durch den drei Grad kalten See mündet, das schweißt zusammen. Wie sehr vermisse ich in dieser Coronazeit die Sauna!

Mein Ziel ist heute die Sauna. Während in Südtirol jeder Gasthof eine nette Sauna und einen kleinen Ruheraum zu erschwinglichen Preisen hat, sind Unterkünfte in der Schweiz mit Sauna nahezu unbezahlbar. Bis zu 1000€/ Nacht für ein Einzelzimmer wird in der Nähe des Vierwaldstättersees verlangt. Aber in Sachseln, dort ist ein Gasthof mit Sauna, der gerade noch so geht, wenn man ohne Hinsehen die Karte durchzieht.

Ich bespreche die aktuelle Wetterlage mit dem Hotelier. Der Glaubenbielenpass ist noch für Autos geschlossen. Nächste Woche soll er aufmachen. Dennoch gibt es einen kurzen Abschnitt mit Lawinengefahr, aber „bisher sind alle Wanderer gut durchgekommen“. Er habe noch nie etwas von einem Unfall dort gehört. Letzte Woche sei ein Herr mit einem „Ziehmöbel“ (Rollkoffer) wandern gewesen. Er habe darauf geschworen. „Selbst der“ sei gut angekommen.

Ich vertraue den Einheimischen und steige den Wanderweg den Hang hinauf. Eine dunkle Schneewolke rollt vom Gegenhang kommend auf mich zu. Zu allem Überfluss verpasse ich einen Wegweiser. Mühsam muss ich wieder ab- und aufsteigen und verliere eine Stunde. Die Wolke erfasst mich und ich finde mich im Schneesturm wieder. Meine Handschuhe sind durchnässt, aber meine Icebreaker Merinoskiunterwäsche umspielt sanft meine sich abmühenden Beine, wie sonst meine neongelbe Kuscheldecke auf der Couch. Im Schneetreiben hangele ich mich von einer Wegmarkierung zur nächsten. Ich wische mit dem Taschentuch die dicken Tropfen vom Display meines Handys, um wieder die GPS Position mit der Realität zu vergleichen. Dort, wo ich nur weiß erkennen kann, scheint irgendwo unter mir der Weg zu sein... Kurze Zeit später finde ich mich am Glaubenbielenpass wieder. Die besagte Passage muss nun kurz vor mir liegen. Ich wechsele, wie mit den Einheimischen besprochen, vom Wanderweg auf die Straße. Irgendein mulmiges Gefühl im Bauch lässt mich mein Handy an die Powerbank hängen, meinen Livestandort verschicken und alles zusammen in einen Gefrierbeutel verstauen (auch wenn das wahrscheinlich nichts bringen würde). Ich folge der Straße. An der Seite ist die meterhohe Schneewand akkurat abgefräst. Dann sehe ich eine Lawinenrinne. Sie scheinen schon gesprengt zu haben. Dicke Brocken liegen links und rechts der Straße und ein Bagger steht am Straßenrand. Erleichtert beeile ich mich durch die sehr kurze Passage. Ab dort folge ich der sogenannten Panoramastraße, von deren Panorama heute wetterbedingt wenig zu sehen ist. 1200 Höhenmeter steige ich nun auf der Asphaltstraße ab... Serpentine für Serpentine schlendere ich ins Tal. Meine Beine haben sich ans Laufen gewöhnt, und so stecke ich die Hände in die Hosentaschen, um sie zu wärmen, und laufe die 1200 Höhenmeter, als handle es sich um einen Sonntagsspaziergang. Mit jeder Serpentine wird es wärmer und irgendwann sieht man den Sarnersee, idyllisch wie der Tegernsee, zwischen dem Bergen liegen. Im Tal angekommen folge ich ab Giswil einem schmalen Fußweg. Spaziergänger kommen mir entgegen. Ab Zollhaus hätte ich das Ausflugsboot nehmen können, hätte ich mich nicht für eine Stunde verlaufen. Stattdessen kaufe ich mir eine Tafel Schweizer Schokolade, futtere munter Stück für Stück und spaziere entspannt essend und telefonierend die letzten Kilometer meines 30km Feiertagsspaziergangs zum Zielort. Währenddessen stelle ich freudig fest, dass das noch nicht gebuchte Zimmer mit jeder Stunde günstiger wird. Am Self-Service Check-In des Gasthofs buche ich mir vollautomatisiert eine „Juniorsuite“ (eher ein großes Zimmer). Der Automat spuckt meine Zimmerkarte aus und ich komme endlich an.

Anschließend gehe ich endlich in die Sauna. Niemand ist mehr dort, da alle schon beim Essen sind. Ich gieße auf und gieße auf... Und stelle schließlich den größten Nachteil des allein Reisens fest: es gibt niemanden, der für einen anschlagen (heiße Luft zuwedeln) kann...