Epilog

Epilog

Ziit isch am wertvollschtä, wämmer si net hät.

Das letzte Jahr war ein besonderes, ein herausforderndes, ein seltsames. Während die einen ihren Beruf nicht mehr ausüben konnten, weil der Lockdown sie zum Innehalten verdammt hat, versanken andere in Arbeit, immer mit dem Gedanken im Kopf, die nächste Woche könne bereits eine Schließungswoche sein. So bekam Zeit eine andere Bedeutung. Wir hatten plötzlich Zeit im Überfluss für alles, was schon immer mal erledigt gehörte, Zeit für die „ewige To Do- Liste“. Durch das Fehlen an Freizeitangeboten stürzten sich die Städter mehr als je zuvor in die Berge, kauften Schneeschuhe und Tourenskier als Alternative zum verbotenen Skifahren. Und dennoch gab es keine Zeit bzw. keine Möglichkeit für Urlaubsreisen. Aus Ermangelung an offenen Übernachtungsmöglichkeiten endete jeder Tag in den Bergen jäh am Abend wieder dort, wo er begonnen hatte: an dem Tisch, auf dem auch der Laptop im Homeoffice steht. So verschmolzen Arbeit, Wohnen und Freizeit örtlich immer mehr miteinander, Zeit schien im Überfluss da zu sein und trotzdem war sie unglaublich begrenzt durch abendliche Ausgangsbeschränkungen und die staatlich verordnete, rechtzeitige Heimkehr.

Es war Zeit diesen einen Stuhl, der über ein Jahr mein Büro, mein Barabend und mein Restaurantbesuch gleichermaßen war, zu verlassen und über Tage und Wochen loszuziehen. Die tägliche örtliche Entfernung und räumliche Distanz zum Arbeits- und Wohnort war für den Kopf überfällig und dennoch in diesen Zeiten ein schwierig realisierbarer Luxus.

Auf dem Trans Swiss Trail habe ich diesen räumlichen und mentalen Abstand gefunden. Gegen Widerstände habe ich den Mai, wie durch das beiseite Schieben eines Vorhangs Richtung April und Juni, von Aufgaben und Pflichten befreit. Zeit muss man sich nehmen. Zeit ist am wertvollsten, wenn man sie nicht hat und ein Geschenk, wenn man eine Möglichkeit des Habens zwischen den Momenten des nicht Habens finden kann.

Den Weg kann man in drei Abschnitte unterteilen:

  1. die Einsamkeit des Juras und der Weg bis Bern
  2. Das Emmental und das Betreten der Touristenregion des Vierwaldstättersees
  3. die Alpensüdseite und das Erreichen des Luganersees

Für diejenigen, die den Weg ebenfalls wandern möchten, empfehle ich Abschnitt 1-2 zu laufen und den Weg an der Südspitze des Vierwaldstättersees zu beenden. Nachhaltig in positiver Erinnerung geblieben ist mir das Doubstal im Jura, ein bezauberndes Fleckchen Erde, das sich verschlafen sonnte und sich bei einzelnen Wanderern, die sich hierher verirrten, unbeeindruckt zeigte. Die Passage zwischen Bern und Worb an der Aare entlang gehörte ebenfalls zu meinen Lieblingsabschnitten, was sicherlich auch an dem wunderbaren Sommerwetter, dem guten Eis der Gelateria di Berna und der warmherzigen Gastfreundschaft meiner Airbnb-Unterkunft bei Sonja und Ruedi lag. Neben dieser, waren die besten Unterkünfte der Tour der eigentlich geschlossene Gasthof Löwen in Schangnau, die Nacht im Heu bei Familie Waser in Stans, der Gasthof Kreuz am Sarner See und das @1899 in Tesserete.

Die Etappen ab dem Gotthardpass waren optisch zwar schön, dennoch prägte der Lärm der Autobahn den Gesamteindruck, weswegen ich diesen Abschnitt nicht empfehlen möchte. Ich habe die Kilometer und Höhenmeter an diesen Tagen eher abgearbeitet als genossen.

Ausgesprochen freundlich wurde ich in der Schweiz aufgenommen. Das Alleinreisen ermöglichte mir viele spannende Begegnungen und Gespräche, was allerdings ab dem Vierwaldstättersee abrupt endete. Hier wechselte die Buchungslage von null auf hundert, vom einzigen Gast des Hauses hin zu voll ausgebuchten Hotels und Gasthöfen. Meine Sprache (vor allem die Betonung) hat sich zu meinem Erschrecken scheinbar im Laufe der drei Wochen derart angepasst, dass ich des öfteren gefragt wurde, ob ich schon länger in der Schweiz lebe...

Trotz des warmherzigen Empfangs fehlte es mir an Gemütlichkeit. Die meisten Unterkünfte waren heruntergekommen und lieblos eingerichtet. Es gab kaum Cafés, keine Hütten, Almen, Jausenstationen, Orte zum Pausieren des langen Wandertages bei Kaffee, Apfelstrudel, Kuchen, Buttermilch oder Jausenbrettl. Das, was in den bayerischen, österreichischen und südtiroler Alpen einen Wandertag abrundet, scheint in der Schweiz völlig unbekannt zu sein. Wie gern hätte ich ab und zu auf einer Bierbank oder in einem Liegestuhl gesessen und einen großen Cappuccino getrunken. Auch das gehört für mich zum perfekten Urlaub dazu. Aufgrund der aktuellen Pandemielage war ich aber dennoch unglaublich glücklich und dankbar für offene Unterkünfte, Frühstück im Frühstücksraum, Abendessen auf der Terrasse oder für Gäste im Innenraum. Oftmals gab es nur ein Gericht für die wenigen Gäste, was aber meine Erwartungen übertroffen hat. Aus diesem Grund trug ich meinen Campingkocher für lediglich zwei Mahlzeiten drei Wochen mit mir herum.

Ich bin losgezogen, um Abstand zu gewinnen, den Kopf frei zu bekommen und  nach einer Operation wieder sanft Muskulatur aufzubauen. Dies alles hat der Trans Swiss Trail ermöglicht. Sportlich wenig anspruchsvoll ohne Hochgebirge, Kletterpassagen und Hüttenübernachtungen ist er ein angenehmer Weitwanderweg, der ohne sportliche und planerische Vorbereitung jederzeit gestartet werden kann. Er ist bis auf die Innenstädte Berns und Luganos perfekt ausgeschildert, die Swissmobilapp bietet zu jedem Zeitpunkt alle nötigen Informationen und an den Etappenzielen sind Unterkünfte über Airbnb, Booking.com oder bei den Gasthöfen direkt einfach buchbar. Der Weg ist geeignet für Wiedereinsteiger, für Familien, für Personen mit sportlichen Einschränkungen (da er meist in deutlich kürzere Etappen zu je etwa 3-4h unterteilt werden kann) und für Alleinreisende.

Wäre ich diesen Weg ohne Corona gelaufen? Nein!

In 3-4 Wochen gibt es sicher herausforderndere, sportlichere Strecken, die durch mehrere Länder und über Gipfel und Gebirgskämme führen. Salzburg - Triest oder Garmisch - Gardasee sind beispielsweise Fernwanderwege, die ich sehr gerne mit einem ähnlichen Zeitaufwand laufen würde. Trotzdem habe ich die Schweiz kennengelernt und dort einen schönen Urlaub verbracht.

Alles in allem ist die Zeit aber unglaublich schnell vergangen. Ich hätte noch Wochen, vielleicht auch Monate laufen können. Und so träume ich weiterhin von zwei Wanderungen, die ich in meinem Leben noch machen möchte:

  1. die Pyrenäendurchquerung GR 11 auf der spanischen Seite in 6-7 Wochen
  2. die Alpendurch- statt überquerung Wien - Nizza in ca. 4-5 Monaten

Es wird folglich sicher nicht der letzte Fernwanderreisebericht sein, der auf dieser Seite veröffentlicht wird.

Bis zum nächsten Mal. Und vielen Dank für‘s Lesen...